Wie die Bibel politisch instrumentalisiert wird – Vortrag und Podium
Am 18. März hielt die Bibelwissenschaftlerin Dr. Hannah M. Strømmen (Universität Lund) in der Aula der UZH einen Vortrag mit dem Titel «After Secularism? Uses of the Bible in Contemporary Right-wing Politics». Wie drängend und relevant die Fragen gegenwärtig sind, mit denen sich Strømmen in ihrem Referat beschäftigte, zeigt der grosse Publikumsandrang – über 250 Personen hatten sich für den Anlass angemeldet.
Im Anschluss an den Vortrag fand ein Podium statt, in dessen Rahmen sich neben Strømmen auch der Philosophieprofessor Prof. Dr. Francis Cheneval und der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Rafael Walthert zu der Thematik äusserten. Geleitet wurde das Podium vom Ethiker und Dekan der TRF Prof. Dr. Michael Coors.
Von Vladimir Putin, der das Johannesevangelium zitiert, über Jair Bolsonaro, der Jesaja anführt, bis hin zu Donald Trump, der seine eigene «Trump-Bibel» vermarktet – es gibt zahlreiche provokative und wirkungsvolle Wege, wie die Bibel politisch instrumentalisiert wird. In ihrem Vortrag konzentrierte sich Dr. Hannah M. Strømmen auf einen Wandel in der Art und Weise, wie Figuren aus der Bibel politisch genutzt werden – nämlich weg von der Unterstützung säkularer hin zur Unterstützung antisäkularer Agenden, die heute auf dem Vormarsch sind. Sie geht davon aus, dass diese antisäkulare Nutzung der Bibel im öffentlichen Raum an Bedeutung gewinnt, da säkulare Vorstellungen aufgrund einer Identitätskrise westlicher liberaler Demoratien zunehmend unter Druck geraten. Zugleich zeige sich in diesen Diskursen, dass die Bibel seit langem eine identitässtiftende politische Funktion bei der Definition der westlichen Welt und der «Anderen» habe. Es sei entscheidend, darauf zu achten, wie Teile der Bibel in Erinnerung bleiben und bekräftigt werden, und welche Auswirkungen eine solche Nutzung der Bibel heute habe.
Auf dem an den Vortrag anschliessenden Podium sassen neben Dr. Hannah M. Strømmen auch Prof. Dr. Francis Cheneval, Professor für Politische Philosophie (UZH) und Prof. Dr. Rafael Walthert, Professor für Religionswissenschaft mit systematisch-theoretischer Ausrichtung (UZH). Geleitet wurde das Podium von Prof. Dr. Michael Coors, Professor für Theologische Ethik und Dekan der TRF. Thematisiert wurde im Podiumsgespräch und der anschliessenden Fragerunde u.a., inwieweit der Säkularismus und der Liberalimismus der sogenannten westlichen Welt in der Vergangenheit zu stark von einer Exklusion der Religion her gedacht wurde, und ob es nicht einen stärker inklusiven Säkularismus brauche, in dem Religionen eine konstruktive Rolle spielen. Ausserdem wurde über die Frage diskutiert, ob es im Bibelgebrauch rechtspolitischer Bewegung eigentlich überhaupt um die Bibel im inhaltlichen Sinne gehe oder ob diese dort als blosses Symbol politischer Identität zum Zweck der Machtaneignung gebraucht werde.
Weitere Informationen
- Website von Dr. Hannah M. Strømmen
- Publikationen von Hannah M. Strømmen zum Thema: The Claim to Christianity: Responding to the Far Right (2020, gemeinsam mit Ulrich Schmiedel) und The Bibles of the Far Right (2024)
- Website von Prof. Dr. Francis Cheneval
- Website von Prof. Dr. Rafael Walthert
- Website von Prof. Dr. Michael Coors