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500 Jahre Prophezey – Ein halbes Jahrtausend Wissenschaft in Zürich

Offiziell feiert die UZH in ein paar Jahren erst ihren 200. Geburtstag. Begonnen hat alles aber schon viel früher: Im Jahr 1525 legte eine Gruppe Gelehrter um Reformator Huldrych Zwingli mit der Gründung der «Prophezey» einen der Grundsteine für die höhere Bildung in Zürich. Es ging ihnen dabei nicht etwa um das Voraussagen der Zukunft, sondern darum, in einer Art «Übersetzungs-Workshops» das Wort Gottes in seiner ursprünglichen Sprachgestalt zu entschlüsseln und so seine Bedeutung für die gegenwärtige Situation zu erschliessen. Von diesen Anfängen bis zur Gründung der Universität Zürich 1833 war es ein weiter Weg, auf dem nicht nur das inhaltliche Angebot nach und nach ausgebaut wurde, sondern auch die geschickte Personalpolitik Zwinglis und seiner Nachfolger eine grosse Rolle spielte. Dass die internationale akademische Prominenz trotz der Gefahr eines – gar tödlichen! – «Burnouts» nach Zürich kam, lag vor allem auch am lieben Geld.

Von Tobias Jammerthal

Die Zürcher Gelehrten im Hochchor (Johann Martin Usteri / Martin Esslinger, zw. 1789 und 1819). (Bild: Zentralbibliothek Zürich, Pellikan Konrad I.10.)

Die Geschichte des akademischen Vorlesungsbetriebs in Zürich beginnt – eigentlich vor der ersten Vorlesung und damit auch vor dem Datum, das 2025 gefeiert wird. Es ist ein Satz in einer Vereinbarung zwischen dem Zürcher Rat und dem Chorherrenstift zum Grossmünster, der reichsten religiösen Institution des gesamten Bistums Konstanz. Eng mit den Zürcher Eliten verflochten, waren die Chorherren doch auch immer Konkurrenten der Ratsherren gewesen, denn das Grossmünsterstift genoss eine Reihe von Privilegien.

Seit 1519 war dieses ebenso altehrwürdige wie konfliktträchtige Arrangement zunehmend unter Druck geraten. Es war ausgerechnet der Leutpriester (Gemeindeseelsorger) des Grossmünsters selbst, dessen Predigten bei immer mehr Untertanen des Grossmünsterstifts Zweifel daran weckten, ob die Abgabenzahlungen an das Stift in der bisherigen Form recht und billig seien. Und es blieb nicht bei Zweifeln: Immer mehr Bauern bezahlten ihre Abgaben einfach nicht mehr. Alles Zureden und alle Drohungen der Chorherren halfen nicht – und selbst ein päpstliches Mandat, das die Chorherren erwirkten, verpuffte wirkungslos, denn auch das Ansehen des Papstes hatte durch die Predigten jenes Leutpriesters am Grossmünster mit Namen Huldrych Zwingli gelitten. Diese Situation war wirtschaftlich bedrohlich: Von den Abgaben der zahlreichen Bauerndörfer vor allem an der heute sogenannten «Goldküste» des Zürichsees galt es, 24 Chorherren, 32 Kapläne, die Lateinschule und ihren Schulmeister, das musikalische und das Verwaltungspersonal zu bezahlen und überdies die laufenden Kosten eines aufwändigen liturgischen Betriebs, zu dem unter anderem die bei Pilgern beliebten Gräber von Felix und Regula gehörten, zu bestreiten. Nach und nach reifte unter den Chorherren die Einsicht, dass nur echte Reformen dazu führen würden, das Vertrauen in die eigene Institution wiederherzustellen und damit auch die Zahlungsmoral der Abgabenzahler wieder zu verbessern. So erarbeitete eine Kommission gemeinsam mit Vertretern des Rates ein Reformprogramm, das am 29. September 1523 vom Rat und bald darauf auch vom Grossmünsterstiftskapitel verabschiedet wurde: Bestimmte kirchliche Dienstleistungen wurden für die Abgabenzahler nun gebührenfrei, die seelsorgliche Betreuung der Gemeinden sollte verbessert werden – und man versprach etwas, das es so in der Geschichte Zürichs noch nicht gegeben hatte:

Chorherrenstift SS. Felix und Regula

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Das wohl seit dem 9. Jahrhundert bestehende Chorherrenstift SS. Felix und Regula zum Grossen Münster in Zürich wurde in einer seit 1233 bezeugten Legende auf eine Gründung durch Karl den Grossen zurückgeführt. Es war ursprünglich die Pfarrkirche für das Gebiet zwischen Limmat und Glatt. Schon früh ist eine Gruppe von Klerikern für die Seelsorge dieses grossen Gebietes belegt. Seit dem 12. Jahrhundert hat das Stift das Recht zur freien Wahl seines Vorstehers (Propst) und seines Gemeindeseelsorgers (Leutpriester).

Ausgedehnte Besitzungen rund um Zürich bis hin zu Töss, Rhein, Zuger- und oberem Zürichsee sorgten für reiche Einkünfte. Bis 1524 verfügte das Grossmünsterstift zudem über die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit in Fluntern, Albisrieden, Rüschlikon-Rufers und Meilen. In seiner inneren Organisation war das Stift unabhängig. Stiftsangehörige unterlagen nicht der städtischen Gerichtsbarkeit und waren dem Rat nicht steuerpflichtig. Das Grossmünsterstift galt Papst Johannes XXII. 1320 als vornehmste Kirche im Bistum Konstanz nach der Kathedrale selbst.

«… dass wohlgelehrte, kunstreiche und sittsame Männer verordnet werden sollen, die täglich öffentlich Vorlesungen über die Bibel halten sollen: eine Stunde in hebräischer, eine Stunde in griechischer und eine Stunde in lateinischer Sprache – diese Sprachen sind nämlich zum Verständnis der Heiligen Schrift höchst notwendig – und zwar frei von Kosten und Bezahlung für alle aus unserer Stadt und von unserer Landschaft.»[1]

Kostenlose öffentliche Vorlesungen gab es bisher nur in den Städten Italiens – nun sollte dies auch in Zürich eingeführt werden. Die Kosten dafür sollten getragen werden, indem jeweils nach dem Tod eines Chorherren als sein Nachfolger ein entsprechend qualifizierter Gelehrter berufen wurde – um einen etwas anachronistischen Vergleich zu bemühen, sollte das Grossmünsterstift zu so etwas ähnlichem wie einem College in Oxford oder Cambridge werden: eine ursprünglich kirchliche Stiftung, deren Stiftungserträge zur Bezahlung von Gelehrten eingesetzt wurden.

Entschlüsseln, Erschliessen, Vermitteln: die Anfänge der «Prophezey»

Das Reformprogramm von 1523 verfehlte seine Wirkung nicht: Unter kräftiger Mithilfe des Rates, dessen Oberhoheit das Grossmünsterstift nun mehr oder weniger bereitwillig anerkannt hatte, konnten die Einnahmen stabilisiert werden. So visionär das Reformprogramm indes war; es dauerte noch beinahe zwei Jahre, bis erste konkrete Schritte zu seiner Umsetzung gegangen werden konnten – denn erst im April 1525 starb mit Johannes Niessli der «Schulherr», also der für die Bildung verantwortliche Amtsträger innerhalb des Chorherrenkollegiums. Er gehörte zum konservativen Flügel innerhalb des Grossmünsterstifts und hatte sich immer gegen die Reformen gesträubt. Durch seinen Tod wurden nun sowohl die Stelle des Schulherren als auch die finanziellen Ressourcen einer Chorherrenstelle frei. Zwingli, der noch im April zum Schulherren gewählt wurde, verlor keine Zeit: Mit Jakob Ceporin präsentierte er umgehend einen angesehenen Hebräisch-Spezialisten, der aus den freigewordenen Einkünften Niesslis bezahlt werden konnte. Obgleich erst 25 Jahre alt, hatte Ceporin sich durch seine Sprachkenntnisse und durch einschlägige Publikationen doch schon hohes Ansehen erworben – und er stand inhaltlich ganz aufseiten Zwinglis. So konnte es denn zu jenem Ereignis kommen, das als Beginn von inzwischen 500 Jahren wissenschaftlicher Lehre am Platz Zürich in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Am 19. Juni 1525 versammelten sich zwischen 7 und 8 Uhr morgens im Hochchor des Grossmünsters die fortgeschrittenen Lateinschüler, die Chorherren und weitere Geistliche. Zwingli erhob sich und sprach ein Gebet:

«Allmächtiger, ewiger und barmherziger Gott, dessen Wort eine Leuchte für unsere Füsse und ein Licht auf unseren Wegen ist, öffne und erleuchte unseren Geist, damit wir deine Offenbarungen rein und heilig verstehen, und in das, was wir recht verstanden haben, umgestaltet werden, wodurch wir deiner Majestät in keinem Teil missfallen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.»[2]

Was nun folgte, haben mehrere Zeitgenossen sichtlich beeindruckt beschrieben: Zunächst wurde ein Abschnitt des Buches Genesis in der allgemein üblichen lateinischen Übersetzung verlesen. Sodann erhob sich Ceporinus, las den gleichen Text in seiner hebräischen Grundsprache vor und bot eine eigene lateinische Übersetzung, in die er Informationen zu Vokabeln und Grammatik einflocht. Es folgte erneut Zwingli: Er verlas die gleiche Passage in der «Septuaginta», der antiken griechischen Übersetzung des Alten Testaments, übersetzte diese ebenfalls ins Lateinische und erläuterte den Text ebenfalls. Dabei ging er über rein sprachliche und grammatikalische Aspekte nun allerdings hinaus und bezog inhaltliche Fragen in seine Interpretation des Textes ein.

Huldrych Zwingli (Hans Asper, 1549). (Bild: Zentralbibliothek Zürich, Inv. 6)

Wie Johannes Kessler aus St. Gallen 1526 begeistert berichtete, bot der Rahmen dieser Veranstaltung ausserdem Raum dafür, dass die anwesenden Gelehrten weitere Beobachtungen und Aspekte äussern konnten – ein für den mittelalterlichen Universitätsbetrieb eher ungewöhnliches Format. Dennoch: All dies erfolgte in der für Kirche und Universität üblichen lateinischen Sprache. Erst nachdem die Gelehrten sich etwa eine Stunde lang über die jeweilige Bibelpassage ausgetauscht hatten, trat einer der anwesenden Geistlichen vor die Gemeinde, die sich inzwischen im Kirchenschiff des Grossmünsters versammelt hatte, und fasste die wesentlichen Erkenntnisse in einer deutschen Predigt zusammen.

Für Zwingli war dieses gemeinsame Ringen um das rechte Verständnis des biblischen Textes «Prophezey»: Propheten waren nach seinem Verständnis keine Hellseher, die die Zukunft vorhersagten – sondern Prophet war derjenige, der das Wort Gottes in seiner ursprünglichen Sprachgestalt entschlüsselte und so seine Bedeutung für die gegenwärtige Situation erschloss. Philologie und Hermeneutik gehörten so von Anfang an zusammen zu jener Arbeitsgemeinschaft von Gelehrten, die am Anfang der Zürcher Hochschulgeschichte steht. Das, was hier geschah, unterschied sich zugleich markant von dem, was die Zeitgenossen als normalen akademischen Betrieb kannten: Statt Lehrbuchwissen, das der Magister seinen Studiosi vermittelte, ging es hier um die Lektüre und Besprechung eines klassischen Textes in seinem literarischen Zusammenhang. Damit entsprach das «Prophezeyen» im Zürcher Grossmünsterhochchor einer Kernforderung humanistischer Bildungsreformprogramme: Nicht um die blosse Wiedergabe von Faktenwissen sollte es gehen, sondern darum, durch die sprachliche und hermeneutische Beschäftigung mit Klassikern die Urteilsfähigkeit junger Menschen zu stärken.

«Burnout» und «Headhunting»: Konsolidierung durch Zwingli

Kaum angefangen, kam das Projekt der öffentlichen Vorlesungen allerdings schon nach nur einem halben Jahr ins Stocken: Am 20. Dezember 1525 starb Jakob Ceporin – wie Zwingli erschrocken gegenüber einem Briefpartner formulierte, wohl aufgrund von Überlastung. In der Tat hatte der junge Gelehrte seit seinem Amtsantritt eine Fülle an Aufgaben wahrnehmen müssen: Zusätzlich zu seinen Verpflichtungen als Hebräischdozent hatte er den Griechischunterricht zu erteilen und an den oben beschriebenen Bibelvorlesungen mitzuwirken – das hätte eigentlich auf mehrere Personen verteilt werden sollen. Es war aber keine weitere Chorherrenstelle frei geworden, die man entsprechend hätte einsetzen können. Erst kurz nach dem Tod von Ceporin änderte sich das. Zwingli handelte umgehend: Aus den freigewordenen Mitteln wurden mit Johann Jakob Ammann und Rudolph Ambühl, genannt Collinus, gleich zwei Wissenschaftler angestellt. Diese beiden erhielten die Aufgabe, täglich wechselnd am frühen Nachmittag lateinische und griechische Vorlesungen zu halten – ebenfalls nach der humanistischen Methode der «enarratio», der Lektüre und Erläuterung von Klassikern in ihrem literarischen Zusammenhang.

Für die vakante Hebräisch-Stelle gelang Zwingli ein personalpolitischer Coup: In intensiven Verhandlungen konnte er den angesehenen Basler Gelehrten Konrad Pellikan dazu überreden, einen Ruf nach Zürich anzunehmen. 

Konrad Pelikan

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Konrad Pellikan, geb. 1478 in Rufach (Elsass), gest. 1556 in Zürich. Während seines Studiums in Heidelberg kam er in Kontakt zum Humanismus. Er trat 1494 dem Franziskanerorden bei und wechselte 1496 an die Tübinger Universität. Hebräischstudien unter anderem bei Johannes Reuchlin befähigten Pellikan schon 1501 zur Abfassung einer eigenen hebräischen Grammatik. Seit 1502 als Lektor im Franziskanerkloster in Basel, arbeitete Pellikan an der grossen Augustinus-Ausgabe des Druckers Bonifatius Amerbach mit.

Im Orden machte er Karriere, war ab 1519 Vorsteher (Guardian) des Basler Franziskanerkonvents. In Basel gehörte Pellikan zum engeren Kreis um Erasmus von Rotterdam, bis er sich der Reformation zuwandte. 1526 folgte er dem Ruf nach Zürich. Aus seiner Feder stammt unter anderem ein siebenbändiger Kommentar zur gesamten Bibel (1532–1539 bei Christoph Froschauer gedruckt). Sein Tagebuchartiges «Chronicon» gilt als wichtige Quelle des Geisteslebens des 16. Jahrhunderts.

Pellikan sollte sich als guter Fang für die Zürcher erweisen – in den Verhandlungen hatte er allerdings durchaus gezeigt, dass auch Wissenschaftler sich auf weltliche Vorteile verstehen. Mehr als einmal hatte er Zwingli zu verstehen gegeben, dass er es in Basel eigentlich ganz gut habe. Dies nötigte den Zürcher Reformator dazu, in seinem Werben um den Hebräisch-Spezialisten auch sehr deutlich auf die weltlichen Vorteile der Zürcher Stelle hinzuweisen:

«Das jährliche Gehalt ist dem meinen ähnlich, sechzig oder siebzig Florin, oder vielleicht achtzig, dazu ein ansehnliches und sehr geschicktes Haus […] Es gibt drei Ferien, die, wenn du sie zusammennimmst, mehr als einem Monat lang dauern; dazu noch Feiertage, Sonntage und einige andere Tage, so dass ich glaube, dass ein Viertel des Jahres für Ferien zur Verfügung steht.»[3]

Mit dem Hebraisten Pellikan, dem Gräzisten Collin und dem Latinisten Ammann war neben Zwingli das Kollegium beisammen, das bis zu Zwinglis Tod 1531 den akademischen Unterricht in Zürich bestritt – ergänzt noch durch neutestamentliche Vorlesungen, die Oswald Myconius im Fraumünsterchor hielt. Schnell entwickelte dieses Modell Ausstrahlungskraft: Schon 1528 wurde im Zuge der Berner Reformation auch dort ein Vorlesungsbetrieb nach Zürcher Vorbild eingerichtet.

Reich statt säkularisiert: Prestige und Reformen dank Kontinuität

Es gehört zu den erstaunlichen Entwicklungen der Zürcher Reformation, dass der Rat Ende 1524 alle Zürcher Klöster säkularisierte – dass er aber ausgerechnet das Grossmünsterstift als reichste religiöse Institution bestehen liess. Unumstritten war dies freilich nicht: Immer wieder kamen Begehrlichkeiten auf, auch diese Ressourcen für andere Zwecke einzusetzen. Am bedrohlichsten wurde die Situation für das Grossmünsterstift nach der Zürcher Niederlage im Zweiten Kappelerkrieg, der 1531 zwischen den reformierten Städten und den fünf altgläubigen inneren Orten der Eidgenossenschaft ausgetragen worden war. Angesichts leerer Stadtkassen mehrten sich im Rat die Stimmen, das Stiftsvermögen nun zu übernehmen, um damit Kriegsschulden und Reparationszahlungen zu bedienen.

Für den gerade erst frisch berufenen Grossmünsterpfarrer Heinrich Bullinger bedeutete dies gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine grosse Herausforderung: Nicht nur wäre durch die Säkularisierung des Stiftsvermögens die Finanzierung seiner eigenen Stelle neu auszuhandeln gewesen – vor allem hätte dies eine drastische Reduzierung der Mittel bedeutet, die für die Gewinnung von fähigen Gelehrten für den Zürcher Vorlesungsbetrieb zur Verfügung standen. Und dies war für Bullinger alles andere als eine pure Reputationsfrage. Die Möglichkeit, durch attraktive finanzielle Rahmenbedingungen die richtigen Wissenschaftler nach Zürich holen zu können, war für ihn vielmehr von geradezu existentiellem Interesse für das Gemeinwesen.

«Weil aber jemand meinen könnte, dass am Stift nicht so viel gelegen wäre, möchte ich euer Weisheit kurz und wahrhaftig berichten, wie es darum steht, und dass es [das Stift] nicht ohne besonderen Schaden des Evangeliums und Nachteil für euer Stadt und Land abgetan oder geschwächt werden. […] So bitte ich schliesslich euer Weisheit um Gottes Willen und um eurer und der ganzen Kirchen Wohlfahrt und des Heils willen, dass ihr das Stift bestehen lassen möget: So, wie es vor tausend Jahren eingerichtet wurde und von euch selbst wieder aufgerichtet worden ist und öffentlich durch den Druck in alle Lande bekannt gemacht wurde.»[4]

Bullingers Einsatz war erfolgreich: Statt der im Raum stehenden Säkularisierung des Stifts garantieren die Ratsherren nun dessen Fortbestand – ein Entscheid, der letztlich erst 1832 revidiert wurde. Damit konnte das Reformprogramm dieser altehrwürdigen Institution weitergeführt werden: Ab 1541 wurden die bisherigen Fächer erweitert durch Vorlesungen zu Naturphilosophie («physica»), Ethik und die Integration der neutestamentlichen Vorlesung in den regulären Betrieb.

Heinrich Bullinger

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Heinrich Bullinger, geb. 1504 in Bremgarten AG, gest. 1575 in Zürich. Bullinger besuchte die Lateinschule im niederrheinischen Emmerich und sodann die Universität zu Köln, wo er 1522 den Grad des Magister Artium erwarb. Der Umgang mit Humanisten und die Lektüre von Kirchenvätern und Bibel führten zur Hinwendung zur Reformation. 1523 zum Klosterlehrer in Kappel am Albis berufen, hielt Bullinger deutschsprachige Vorlesungen über biblische Bücher.

In die Kappeler Zeit fallen erste Veröffentlichungen und die Anfänge eines später über 1000 Personen umfassenden Briefnetzwerks. 1529 zum Pfarrer seiner Heimatstadt Bremgarten berufen, musste er mit seiner Ehefrau Anna 1531 nach dem zweiten Kappeler Krieg nach Zürich fliehen, wo er zum Nachfolger des verstorbenen Zwingli gewählt wurde. Bullinger stand der Zürcher Kirche bis zu seinem Tode 1575 vor. In seine Zeit fallen die bis zum Ende des Ancien Regime gültigen Weichenstellungen mit Blick auf Kirchen- und Schulorganisation.

Lange Zeit erfolgte der Züricher Vorlesungsbetrieb dabei vergleichsweise wenig formalisiert: Erst 1559 wurde er durch eine eigene Ordnung detaillierter geregelt; 1601 dann trat eine institutionelle Ausdifferenzierung ein: Der eigentliche akademische Betrieb wurde im sogenannten Karlskolleg (Collegium Carolinum) organisiert, ihm ging eine Art propädeutische Stufe am Collegium Humanitatis voran, auf die wiederum die Lateinschulen vorbereiteten. Eine Universität im juristischen Sinne des Wortes war das Collegium Carolinum jedoch nicht: Wollten Zürcher Studenten einen formalen akademischen Grad erreichen, so mussten sie dies nach wie vor ausserhalb Zürichs tun. Besonders bevorzugt waren dabei im 17. und 18. Jahrhundert Universitäten in anderen reformierten Gebieten wie Basel, Heidelberg, Marburg oder eine der niederländischen Hochschulen. Relativ rasch entwickelte sich ein europaweites Netzwerk von reformierten Bildungsinstitutionen, die einen engen akademischen und personellen Austausch pflegten. Das hohe Niveau der Gelehrten am Collegium Carolinum zog auch immer wieder Studenten aus anderen reformierten Ländern gerade auch aus Mittel- und Osteuropa nach Zürich. Umgekehrt entwickelte sich in Zürich ein Stipendiensystem, das besonders begabten Söhnen der Stadt den Aufenthalt an anderen europäischen Universitäten erlaubte, bevor sie in ihrer Heimat in führende Positionen in Kirche, Schule und Verwaltung berufen wurden.

Gelehrte von Rang und Namen in Zürich

Während der gesamten, 300-jährigen Geschichte der Zürcher Hohen Schule wiederholte sich das, was bereits Anfang 1526 bei der Berufung Pellikans geschehen war: Die attraktive finanzielle Ausstattung, die Zürich durch das Grossmünsterstift zu bieten hatte, überzeugte immer wieder Gelehrte von europäischem Ansehen, an die Limmat zu kommen. Dies gilt für Konrad Gessner, der 1541 als Arzt und Naturwissenschaftler zurück in seine Heimatstadt Zürich kam, ebenso wie für Theodor Bibliander, der schon 1531 berufen worden war und dessen lateinische Koranübersetzung Furore machte. 

Gessner und Bibliander

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Konrad Gessner

Konrad Gessner, geb. 1516 in Zürich, gest. 1565 daselbst. Gessner konnte 1533/34 in Bourges und Paris studieren und wurde anschliessend Lehrer in Zürich. 1537 folgte die Ernennung zum Griechischprofessor an der neu eingerichteten Akademie in Lausanne, 1541 die Promotion zum Dr. med. in Basel. Gessner kehrte als Professor für Naturphilosophie zurück nach Zürich, arbeitete aber auch als Arzt. Berühmt wurde Gessner als Verfasser zahlreicher Werke verschiedener Disziplinen.

Sein «Mithridates» (1555) gilt als erstes Werk der vergleichenden Sprachwissenschaft. Über die Grenzen Zürichs hinaus wurde seine «Bibliotheca universalis» (1545) rezipiert, in der Gessner alle zeitgenössisch bekannten Schriften in griechischer, hebräischer und lateinischer Sprache auflistete. In mehrere Sprachen übersetzt wurde sein pharmakologisches Grundlagenwerk «Thesaurus Euonymi Philiatri» (1552). Gessners «Historia animalium» (1551–1558) gilt als Beginn der modernen beschreibenden Zoologie; eine vergleichbare Funktion auf dem Feld der Botanik nimmt seine «Descriptio montis Fracti» (1555) ein.

Theodor Bibliander

Theodor Bibliander (eigentlich Buchmann), geb. 1506 in Bischofszell und gest. 1564 in Zürich, besuchte in Zürich die Lateinschule bei Oswald Myconius und ging dann zum Studium nach Basel. 1527 folgte er einem Ruf als Dozent ins polnische Liegnitz (heute Legnica), 1529 war er Lateinschulmeister in Brugg AG. Seine Berufung nach Zürich 1531 markierte den Beginn einer intensiven und von den Zeitgenossen hoch geschätzten Lehr- und Publikationstätigkeit.

Bibliander veröffentlichte eine hebräische Grammatik (1535), führte Leo Juds lateinische Bibelausgabe nach dessen Tod weiter und veranstaltete eine Ausgabe von Briefen Zwinglis und Johannes Oekolampads (1536). Berühmt wurde sein 1545 vorgelegter Kommentar zur Johannesoffenbarung. Biblianders 1543 in Basel gedruckte lateinische Ausgabe des Korans gilt als wichtiger Schritt in der Wahrnehmung der islamischen Welt durch die europäischen Gelehrten.

In der Theologie war es der aus Italien stammende Petrus Martyr Vermigli, der sich 1556 für einen Zürcher Lehrstuhl gewinnen liess – er hatte zuvor seine Professur in Oxford aufgrund der Rekatholisierungspolitik von Königin Maria Tudor verloren. Johann Heinrich Hottinger wiederum, der als Historiker und Orientalist berühmt war und seit 1642 in Zürich lehrte, wurde zeitweilig von der Heidelberger Universität abgeworben – nur, um dann 1661 doch wieder zurück an die Limmat zu kommen. Schliesslich konnte Zürich mit Johann Jakob Breitinger (1701–1776) und Johann Jakob Bodmer (1698–1783) zwei Philologen von europäischem Ruf gewinnen.

Gründung der Universität: Zäsur auf Kosten des Grossmünsterstifts

Als 1833 die Universität Zürich gegründet wurde, erfolgt dies offiziell als bewusster Neuansatz: Auf eine Motion Friedrich Ludwig Kellers hin beschloss der Grosse Rat von Zürich am 10. April 1832 mit 134 zu 51 Stimmen die Aufhebung des Grossmünsterstifts und die Säkularisation des Stiftsvermögens. Im intellektuellen Umfeld der sogenannten Regenerationsjahre nach dem Ende der Helvetik 1803 und vor der Gründung des Bundesstaates 1848 dominierten diejenigen Kräfte, welche alte Zöpfe abschneiden wollten. Die neue Zürcher Verfassung vom März 1831 schrieb dem Erziehungsrat einen grundständigen Neuaufbau des gesamten Bildungswesens vor. Durch die Säkularisation des Grossmünsterstiftsvermögens wurde die in diesem Zuge angestrebte Einrichtung einer Hochschule mit einer theologischen, einer juristischen, einer medizinischen und einer philosophischen Fakultät finanziell ermöglicht – diese führte indes erst ab 1912 den Titel einer Universität (Johann Caspar von Orelli als treibende Kraft im Erziehungsrat hatte sich ausdrücklich gegen die Bezeichnung einer «Akademie» ausgesprochen). Für die Besetzung der ordentlichen Lehrstühle hatte man bewusst nicht auf bereits vor Ort wirkende Gelehrte zurückgegriffen, sondern holte sich aus dem Ausland Wissenschaftler von möglichst gutem Ruf – auf eine gewisse Weise wiederholte sich damit das Muster der Personalpolitik Zwinglis. 

Das Collegium Carolinum von Nordosten (Gerold Escher, ca. 1710). (Bild: Zentralbibliothek Zürich, ZEI 5.35)

Auch wenn es also der freisinnigen Politik des frühen 19. Jahrhunderts sehr wichtig war, ihre Hochschule offiziell nicht als Fortsetzung früherer Institutionen zu verstehen: Dass am Platz Zürich seit 1525 Vorlesungen stattfanden, die schon ab 1526 neben der Theologie auch philologische und seit 1541 auch naturphilosophische Fragestellungen umfassten, gehört ebenso zu einer nüchternen Wahrnehmung historischer Tatsachen wie das Faktum, dass erst die Säkularisation des Grossmünsterstifts 1832 dem freisinnig dominierten Zürcher Staat die finanziellen Möglichkeiten für die Eröffnung einer neuen Hochschule eröffnete. Es ist insofern passend, dass das Sigel der Universität Zürich mit der Fassade des Grossmünsters und der Statue Karls des Grossen zurückverweist auf jene lange Geschichte, an die 2025 in besonderem Masse erinnert wird.

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Zum Autor

Prof. Dr. Tobias Jammerthal ist Professor Kirchen- und Theologiegeschichte
von der Reformationszeit bis zur Gegenwart an der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät der UZH. Er leitet das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte (IRG). 

Anmerkungen

[1]  Modernisiert nach Egli, Actensammlung, Nr. 426, S. 169, Ziff. 5.

[2]  Zwinglis «Prophezeygebet» von 1525 (übersetzt aus: Huldrych Zwinglis sämtliche Werke, Band 4, 1927, S. 365).

[3]  Zwingli an Pellikan, 12. Januar 1526, Z 8, Nr. 439, hier: S. 500 (Übersetzung: TJ).

[4]  Aus Bullingers Vortrag (Fürtrag) vor dem Rat gegen die Verstaatlichung des Grossmünsterstifts, 17. Februar 1532 (modernisiert nach: Heinrich Bullinger, Schriften zum Tage, hg. v. Hans Ulrich Bächtold / Ruth Jörg / Christian Moser, Zug 2006, 15. 21).

Bildquellen Porträts

Konrad Pellikan: Hans Asper, ca. 1535, Zentralbibliothek Zürich, Inv. 2.

Heinrich Bullinger: Hans Asper, 1559, Zentralbibliothek Zürich, Inv. 8.

Konrad Gessner: Tobias Stimmer, 1564, Museum Allerheiligen zu Schaffhausen.

Theodor Bibliander: Hans Asper 1550, Historisches Museum Thurgau zu Frauenfeld.

Weitere Informationen zum Jubiläum

Alles rund um das «500 Jahre Prophezey»-Jubiläum der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät der UZH finden Sie auf der Website www.1525.uzh.ch

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