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Intersektionalität als Zugang zu gelebter Religion

Vielschichtige Identitätsdimensionen als Herausforderung und Ressource

Identität ist vielschichtig und nicht leicht zu fassen. Das Konzept der Intersektionalität lädt dazu ein, die Vielfalt der menschlichen Erfahrung sichtbar zu machen, ernst zu nehmen. So kann die individuelle Lebenswirklichkeit differenzierter erfasst werden. Das Spannungsfeld zwischen verschiedenen Identitätsaspekten und die gleichzeitige Zugehörigkeit zu mehreren sozialen Gruppen kann insbesondere für Menschen, die Diskriminierung erfahren, eine Herausforderung darstellen – zugleich aber auch eine wertvolle Ressource sein.  Gerade in der (Religions-)Wissenschaft kann eine intersektionale Perspektive helfen, Theorie und Lebensrealität zu verbinden, indem sie die Vielschichtigkeit menschlicher Identität betont.

Von Olivia Merz

Wer bin ich eigentlich? Eine Frage, die sich so leicht nicht beantworten lässt. Denn Identität ist nie eindimensional, niemals nur an eine einzelne Eigenschaft oder Gruppenzugehörigkeit geknüpft, sondern sie entsteht an der Schnittstelle verschiedener Dimensionen eines Lebens. Was ich hier als «Dimensionen» bezeichne, meint die Faktoren und Zugehörigkeiten, die ein Leben beeinflussen. So sind wir zum Beispiel Tochter oder Sohn, sind Elternteil, sind gläubige Menschen, sind queer oder nicht, sind Zugewanderte, sind Akademiker:innen, sind Arbeiter:innen. Und meistens vereinen wir mehrere dieser Dimensionen gleichzeitig in uns. Verschiedene Identitätsdimensionen überlagern einander und wirken in jedem Menschen auf einzigartige Weise zusammen.

Dynamische Identität am Schnittpunkt verschiedener Diskurse

«Intersektionalität» ist ein Konzept, das genau dort ansetzt und diese Gleichzeitigkeit verschiedener Lebensdimensionen sichtbar machen möchte. Unter dem Begriff wird einerseits verstanden, dass Identität mehrdimensional ist, andererseits aber auch, dass soziale Ungleichheit dort besonders spürbar ist, wo sich verschiedene Dimensionen überlagern. Wer also etwa zugleich migrantisch, religiös und weiblich ist, steht an einem Schnittpunkt mehrerer gesellschaftlicher Diskurse. So werden zum Beispiel einer migrantischen, muslimischen Frau nicht nur die Vorurteile entgegengebracht, die Frauen zugeschrieben werden, sondern auch diejenigen, mit denen sich muslimische und migrantische Menschen konfrontiert sehen. Insofern können die verschiedenen, sich überlappenden Identitätsdimensionen einer solchen Frau auch zu Dimensionen der Diskriminierung werden, die einander verstärken. Zentral für das Konzept der Intersektionalität ist aber auch das Verständnis, dass diese Dimensionen keineswegs starr zueinanderstehen, sondern dass das individuelle Zusammenspiel dieser Dimensionen stets im Fluss ist. Einerseits kann je nach persönlicher Prioritätensetzung eine dieser Dimensionen für die Person selbst in den Hintergrund treten. In einer Zeit, in der die Religion einen im Leben vermehrt beschäftigt, kann diese zum Beispiel wichtiger werden, während andere Identitätsdimensionen eher weniger zentral erscheinen. In anderen Lebensphasen mag vielleicht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Gender diese zentrale Rolle übernehmen. Manchmal dominiert also ein Aspekt der Identität, manchmal ein anderer. Und diese Gewichtung verändert sich – nicht nur im eigenen Selbstverständnis, sondern auch im Blick von aussen.

So ist auch die Diskriminierung, die einer multidimensionalen Identität unter Umständen entgegengebracht wird, fluide. Die Diskurse, die sich um eine oder mehrere der Identitätsdimensionen drehen, verändern, wie eine Person wahrgenommen wird, die davon tangiert ist. Geraten etwa islambezogene Themen ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit, wird ein muslimischer Mann eher über seinen religiösen Ausdruck – etwa durch «muslimisch» gelesene Kleidung – wahrgenommen, als wenn sich die mediale Aufmerksamkeit auf Männlichkeit richtet.

Herkunft des Begriffs «Intersektionalität»

Weiterführende Informationen

Der Begriff Intersektionalität stammt aus der kritischen Rechtswissenschaft und wurde 1989 von der amerikanischen Juristin und Bürgerrechtlerin Kimberlé Crenshaw geprägt. Crenshaw verwendete den Begriff erstmals in ihrem Aufsatz Demarginalizing the Intersection of Race and Sex um die spezifischen Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Frauen* zu beschreiben, die in vorherrschenden feministischen und antirassistischen Diskursen wenig berücksichtigt wurden.

Wissenschaftliche Annäherung an gelebte Religion

In der Wissenschaft, gerade auch in der Religionswissenschaft, kann Intersektionalität helfen, die Kluft zwischen Theorie und Lebensrealität zu überbrücken. Statt Menschen auf eine einzelne Identitätsdimension zu reduzieren, rückt eine intersektionale Perspektive deren Vielschichtigkeit in den Fokus. Eine Gruppe Menschen wird dann nicht allein aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit als homogene, die Religionsgemeinschaft repräsentierende Einheit erforscht, sondern in ihrer Vielfalt ernst genommen – das Zusammenspiel der verschiedenen Identitätsdimensionen wird explizit mit einkalkuliert.

So verhindert ein intersektionaler Zugang in der Religionswissenschaft, dass religiöse Zugehörigkeit als alleinige Erklärung für Verhalten oder Lebensführung herangezogen wird und dass aus ihr verallgemeinernde Schlüsse gezogen werden (d. h. religiöse Zugehörigkeit wird nicht als allein wesentlich für das Denken und Handeln einer Person missverstanden). So kann Wissenschaft nah an der Vielfalt des tatsächlichen Lebens operieren und «lived religion», gelebte Religion also, die genau im Zusammenspiel verschiedener Identitätsdimensionen entsteht, berücksichtigen. Gerade die Religionswissenschaft richtet ihren Blick dabei nicht nur auf sakrale Texte und Normen, sondern auch auf die alltägliche Vielfalt gelebter Religion.

Eigene Vielschichtigkeit als Ressource für religiöse Menschen

Denn Intersektionalität ist nicht nur ein sinnvolles wissenschaftliches Konzept, sie kann auch für gläubige Menschen selbst eine wertvolle Ressource sein: Jede religiöse Person nähert sich zum Beispiel einem für sie religiös bedeutsamen Text aus ihrer eigenen Perspektive, die beeinflusst ist vom individuell intersektionalen Zusammenspiel ihrer Identitätsdimensionen. Kein Mensch liest einen «heiligen» Text «neutral», jede Lesart ist geprägt von Erfahrungen, Perspektiven und Kontexten. Dieser Umstand verändert nicht nur das Verständnis eines Textes, sondern auch den Text selbst; zumindest in seiner Wirkung. Die Beziehung zwischen Lesenden und dem Text ist dynamisch. Der Text beeinflusst das Subjekt und das Subjekt beeinflusst den Text. Wenn nun aber die Identität und somit die Perspektive des lesenden Subjekts im Fluss sind, wie oben beschrieben, wird auch die Interpretation der religiösen Texte fluide. Dadurch kann die textliche Grundlage stets neu interpretiert, ausgelegt und ausgelebt werden. Somit sind religiöse Texte und Traditionen nicht statisch; sie werden lebendig in dem Moment, in dem sie individuell gelesen und gelebt werden.

In der intersektionalen Auseinandersetzung mit der eigenen religiösen Tradition entsteht Raum für ein Zusammenspiel von Identitätsdimensionen, die vielleicht auf den ersten Blick nicht vereinbar scheinen. Wenn zum Beispiel ein «heiliger» Text aus einer vielschichtigen Perspektive gelesen wird, kann dieser individuell so ausgelegt werden, dass er die Gesamtheit der eigenen Identitätsdimensionen mit einbezieht – ohne dass bestimmte Anteile sich gegenseitig ausschliessen müssen. Darin entsteht die Möglichkeit, Ambiguitätstoleranz zu entwickeln, Mehrdeutigkeiten auszuhalten, (vermeintliche) Spannungen zu ertragen und anzuerkennen, dass man mehr als nur eine Sache sein darf. Gläubig und queer. Hijabi und Feministin. Traditionalistisch und innovativ. Solche Positionen müssen sich nicht ausschliessen. Im Gegenteil: Ihre Gleichzeitigkeit fordert heraus und eröffnet neue Sichtweisen. So kann die intersektionale Perspektive zur Grundlage religiöser Innovation werden. Genau diese Beweglichkeit macht Intersektionalität als Konzept wiederum für die Wissenschaft so erkenntnisreich: Sie zeigt nicht nur, wie Identität konstruiert wird und Diskriminierung geschieht, sondern auch, wie Menschen sich Räume schaffen, um mit Widersprüchen, Spannungen und Ambivalenzen umzugehen.

Filmempfehlung zum Thema: «Pria»

Weiterführende Informationen

Der indonesische Kurzfilm «Pria» (Yudho Aditya, 2016) erzählt die Geschichte Aris’, eines jungen muslimischen Mannes aus einer ländlichen Gegend Indonesiens. Während seine Mutter für ihn eine Ehe arrangiert, wird sich der Protagonist seiner Queerness bewusst. Der Film begleitet ihn, wie er durch verschiedene Dimensionen seiner Identität wie Männlichkeit, Religion und Queerness zu navigieren versucht. Eindrücklich und einfühlsam wird das gleichzeitige Erleben verschiedener Identitätsdimensionen künstlerisch dargestellt. Anzusehen ist der Film zum Beispiel auf viddsee.com.

Intersektionalität zwischen Herausforderung und Potential

Intersektionalität bedeutet, inmitten vieler Spannungen zu stehen, aber auch, neue Verbindungen zu schaffen. Als Perspektive macht sie die Komplexität menschlicher Identität sichtbar. Für die Religionswissenschaft bietet sie einen differenzierten Zugang zu Menschen und ihren Glaubenswelten. Und für religiöse Menschen kann sie einen Weg eröffnen, mit Widersprüchen kreativ umzugehen und eigene Wege des Glaubens zu finden. Doch Intersektionalität ist auch unbequem. Sie widerspricht einfachen Erklärungen, verlangt Reflexion und Konfrontation – mit sich selbst, mit Systemen, mit Diskursen. Nicht jede:r hat die Freiheit und das Privileg, Religion und Identität frei zu gestalten; dort, wo Normen strikt sind, kann das Zusammenspiel verschiedener Zugehörigkeiten auch Angst, Schmerz und Repression bedeuten.

Und trotzdem: Gerade in dieser Spannung liegt das Potenzial. Denn wo Dimensionen aufeinandertreffen, entsteht nicht nur Reibung, sondern auch Bewegung. Und vielleicht ist genau das der Ort, an dem Leben – und Religion – wirklich geschieht.

Weiterführende Informationen

Zur Autorin

Olivia Merz studiert Religionswissenschaft und Populäre Kulturen im Bachelor. Sie hat im Herbstsemester 2024 bei Dr. Dominik Müller das Seminar «Gelebter Islam in europäischen Kontexten: Dynamiken zwischen Vielfalt und Einheit» besucht und in diesem Zusammenhang die Darstellung von Intersektionalität im Kurzfilm «Pria» untersucht.

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