«Theologie ist meine Berufung»
Nach einem Masterstudium in Dokumentationswissenschaften in der Ukraine studiert Yelyzaveta (Lisa) Glynko jetzt in Zürich Theologie. Grund dafür ist ein «Damaskuserlebnis» – und der Evensong.
facultativ: Du studierst Theologie im Mono-Studienprogramm im BA. Weshalb hast du dich für dieses Studienprogramm entschieden?
Lisa: Ich habe mich schon immer für Fragen rund um Religion und für den Sinn des Lebens interessiert – und dafür, wie das mit der Gesellschaft verbunden ist. Im Jahr 2018 hatte ich dann ein «Damaskuserlebnis». Da wurde mir bewusst, dass Gott wahr ist, und die Bibel ist für mich lebendig geworden.
Aber man kann ja auch an Gott und die Bibel glauben und trotzdem nicht Theologie studieren …?
Das stimmt, aber ich wollte meinen Glauben in allen Facetten verstehen, untersuchen und analysieren, auch auf intellektueller Ebene.
Du bist jetzt im zweiten Semester, hast also nicht unmittelbar nach deinem «Damaskuserlebnis» mit dem Theologiestudium angefangen?
Nein, ich habe damals noch in der Ukraine Dokumentationswissenschaft und Informationstätigkeit im Master studiert. Daneben habe ich mich dann in Internetforen theologisch mit anderen Menschen ausgetauscht, vor allem mit Personen aus den USA, wo der Umgang mit Glauben viel offener ist, als er bei uns war – vor allem unter jungen Menschen.
Durch das Damaskuserlebnis 2018 ist zwar der Wunsch nach einem Theologiestudium geweckt worden, ich hatte aber noch viel zu lernen – mit Blick auf meinen Glauben, aber auch hinsichtlich der Rolle der Frau in der Kirche. Dafür war es dann wichtig, in der Schweiz Katechetinnen und Pfarrerinnen zu sehen. Dank ihnen habe ich verstanden, dass ich mich durch den Abschluss eines Theologiestudiums in den Dienst an der Gesellschaft im Namen Gottes stellen kann.
Wie ist es dazu gekommen, dass du jetzt hier studierst?
Mein Weg zur Universität Zürich begann im Frühling 2022, als unsere Gastfamilie eine kleine Stadtführung für uns organisierte. Schon beim ersten Blick auf das Grossmünster und das Fraumünster spürte ich eine tiefe Verbundenheit. Ein Jahr später arbeitete ich beim Forschungsprojekt BRIGHT: Boosting refugee integration through psychological intervention an der UZH und habe online zufällig eine Einladung zum Evensong im Fraumünster gesehen. Ich bin hingegangen und war absolut begeistert von der grossartigen Atmosphäre. Danach war ich immer wieder sporadisch dabei. Die Studierenden und Dozierenden waren super freundlich und unterstützend und ich habe mich wirklich willkommen gefühlt. Nach dem Evensong sind wir jeweils noch ins Hirschli gegangen und haben diskutiert. Das hat mich fasziniert. So ist der Wunsch gewachsen, hier in Zürich Theologie zu studieren.
War von Anfang an klar, dass du das Mono-Studienprogramm wählst, also keinen Minor studierst?
Anfangs dachte ich, ich nehme Religionswissenschaft im Minor, weil ich einen sehr grossen Wissensdurst habe und mich für ganz verschiedene Kulturen interessieren. Aber dann hat mich vor allem die spirituelle und praktische Seite der Theologie überzeugt. Ausserdem hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit einem Pfarrer – er hat mich darin bestärkt, Theologie im Mono zu studieren.
Damit du später Pfarrerin werden kannst?
Ja, genau, ich möchte später sehr gerne im Pfarramt arbeiten. Seelsorge und religiöse Bildungsarbeit liegen mir aber auch sehr am Herzen.
Hat das Studium deine Erwartungen bisher erfüllt? Du hast ja schon in der Ukraine ein Studium absolviert, ist es hier in Zürich ähnlich?
Gewisse Sachen sind schon ähnlich. Aber das Theologiestudium hier in Zürich fesselt und interessiert mich viel mehr. Mein früheres Studium war quasi mein Beruf, Theologie ist meine Berufung. Ich mag Geisteswissenschaften ganz allgemein und Theologie ist für mich die Krönung dieser Disziplinen, weil sie Geschichte, Literatur, Philosophie und vieles mehr vereint – vor allem auch das Wort Gottes.
Überzeugt dich denn die Art, wie hier über diese Dinge nachgedacht und gesprochen wird?
Sehr. Ich lerne jetzt Theorien, mit denen ich Fragen auch auf intellektueller Ebene besser verstehen kann und das ergänzt meinen Glauben.
Arbeitest du neben dem Studium noch?
Ja, ich mache viele schöne Sachen! Einerseits arbeite ich noch immer im erwähnten Forschungsprojekt an der UZH. Andererseits bin ich z. B. auch in der Erwachsenen- und Jugendbildung der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) tätig und als Integrationsassistentin und Übersetzerin beim «National Coalition Building Institut» (NCBI) Schweiz im Projekt Flüchtlingsparlament engagiert. Dort treffen wir uns mit Vertreter:innen von verschiedenen Parteien und haben im Juni in Bern die Flüchtlingssession abgehalten.
Hast du denn überhaupt Zeit fürs Theologiestudium?
Leider liess sich das tatsächlich nicht so gut vereinbaren, weshalb ich oft meinen Schlaf opfern musste. Meine Motivation und meine Leidenschaft haben mir geholfen, das durchzuziehen, aber ich möchte künftig mehr Zeit für das Studium und das Lesen haben. Obwohl ich sehr gut beraten wurde, konnte ich den Aufwand nicht richtig einschätzen. Deshalb möchte ich meine Module jetzt mit mehr Weisheit buchen und weniger ECTS pro Semester machen.
Und nach dem BA-Abschluss möchtest du auch noch einen Master machen?
Ja, absolut. Wobei ich ja schon einen Master habe und jetzt überlege, in den spezialisierten Master Christentum in der Gesellschaft zu wechseln. Am wichtigsten ist mir aber, dass ich mich mein Leben lang mit Theologie befassen kann.
(and)