«Das ist so ein cooler Typ aus Schweden – und der ist eben Religionswissenschaftler»
Wie Samira Spohn via Youtube zur Religionswissenschaft kam, womit sie anfangs Mühe hatte und warum ihr Nebenjob perfekt für sie ist.
facultativ: Du bist im 5. BA-Semester deines Religionswissenschaftsstudiums. Weshalb hast du dich für dieses Studienprogramm entschieden?
Samira: Das war eigentlich von Anfang an klar. Ich bin christlich aufgewachsen und Religion war schon immer Teil meines Lebens. Als Teenagerin fand ich es spannend, wie sich die Perspektiven von Menschen unterscheiden können und wie über andere Religionen geredet wurde. Irgendwann wollte ich dann genauer wissen, wie sich Religionen unterscheiden und wann man überhaupt von einer «Religion» redet.
Wusstest du denn, dass es Religionswissenschaft gibt?
Anfangs nicht. Das war eigentlich ziemlich crazy: Ich war – vor allem zum Thema Islam – auf Youtube unterwegs und bin auf den Kanal «Let’s talk religion» des Schweden Filip Holm gestossen. Das ist so ein cooler Typ, der ganz verschiedene Themen rund um Religion aufbereitet – und der ist eben Religionswissenschaftler. Mich hat fasziniert, dass er auf Augenhöhe über Religion geredet hat.
Wurden die Erwartungen, die du nach diesen Videos hattest, dann im Studium erfüllt?
Ziemlich, ja. Aber es ist natürlich nicht das gleiche, ein Youtube-Video anzuschauen oder actually Religionswissenschaft zu studieren. Die Themen und Inhalte sind schon wie erwartet, aber ich kannte den Unibetrieb überhaupt nicht. Überrascht hat mich zum Beispiel, dass man je nach Prof unterschiedliche Dinge lernt. Vorher, von aussen, dachte ich: Wissenschaft ist kind of etwas Universelles, es gibt Konsens über die Inhalte und ist überall dasselbe. Bei Basissachen stimmt das ja auch, aber danach kann es sich sehr unterscheiden, weil die Wissenschaftler:innen unterschiedliche Approaches haben.
Gab es Approaches, die dich überzeugt, bzw. Seminare, die dir besonders gut gefallen haben?
Den Religiöse-Traditionen-Kurs finde ich cool, weil man dort so einen deep dive macht, aber auch einen Überblick über Religion bekommt. Dort hab ich gemerkt, dass ich eigentlich überhaupt nichts weiss.
Aber du hast dich doch vorher schon mit Religion auseinandergesetzt?
Ja, genau, über Christentum und Islam wusste ich auch schon einiges. Aber es gibt ja auch Religionen, die dir im Alltag nicht begegnen, Buddhismus, Hinduismus und andere Formen von Spiritualität. Ausserdem gibt es grosse Unterschiede zwischen dem alltäglichen Blick auf Religion und der religionswissenschaftlichen Perspektive. Wenn man z. B. eine Person sieht, die eine rituelle Waschung durchführt, denkt man vielleicht an Reinheitsvorstellungen oder so. Aber in der Religionswissenschaft geht es dann auch um den grösseren Kontext, darum was dieses Ritual für andere Personen und innerhalb der Gemeinschaft bedeutet oder was der historische Zusammenhang ist. Vorher habe ich Religion recht separat gedacht und unterschätzt, wie sie mit anderen Teilen von Kultur und Gesellschaft verwoben ist.
War diese Komplexität nicht überfordernd?
Doch, am Anfang zum Teil schon. Aber inzwischen ist das besser geworden und mit der Zeit haben sich Knöpfe gelöst. Das war dann auch ein Entlastung.
Inwiefern?
Also: Wenn ich Leuten von meinem Studium erzähle, kommen manchmal so harte Prompts, z. B.: Sag mal, ist Religion nicht Schuld an all den Kriegen? Dann antworten zu können: Nein, das stimmt so nicht, es ist viel multidimensionaler, mehrschichtig und vernetzt, auch historisch gesehen. Das meine ich nicht im Sinn eines easy way out. Natürlich muss man sich damit auseinandersetzen. Aber wenn du die Komplexität anerkennst, kannst du die Sache nicht mehr einfach vom Tisch wischen, und so entsteht dann ein echter Dialog. Bei Religion hat man ja sehr schnell eine fixe Meinung und steckt alles gleich mal in ein Böxli. Im RW-Studium fängt man an, dieses Böxli auseinander zu nehmen: Was steckt dahinter? Was denke ich eigentlich? Und: Habe ich auch einmal jemanden dazu befragt oder mich schlau gemacht?
Und wie ist es so, an der Uni zu sein und Religionswissenschaft zu studieren?
Ich finde es mega cool! Auch mit den Leuten. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass man an der Uni nicht automatisch in einem grossen Vorlesungssaal sitzt, sondern es auch kleinere Studiengänge gibt. Anfangs habe ich Philosophie im Minor studiert und ein bisschen gesehen, wie es mit mehr Studierenden läuft. Das war auch ok, aber in einem kleineren Fach ist der Umgang mit den Menschen viel cooler – das hat mir sehr geholfen, in die Uni reinzukommen. Inzwischen studiere ich im Minor Latein; das ist auch ein kleines Studienprogramm und passt super gut zu Religionswissenschaft.
Arbeitest du neben dem Studium?
Ja! Das ist auch sehr, sehr cool, weil ich meinen Nebenjob durch mein Studium gefunden habe: Ich arbeite 20 Prozent in der Geschäftsstelle von IRAS COTIS, der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, und mache dort Hintergrundsachen, sei es Leute anfragen für religion.ch, Dinge überarbeiten, Agenda machen oder Veranstaltungen organisieren. Ich mag den Job super gern und kann mir die Arbeitszeit extrem flexibel einteilen.
Ist die Freiheit bei Nebenjob und Studiumsplanung manchmal auch anstrengend oder sogar belastend?
Doch, ja, zum Teil. Am Anfang habe ich den Modulbuchungsstuff nicht so ganz verstanden. Freund:innen von mir, die auch an der Uni studieren, hatten feste Stundenpläne und ich musste die Sachen selbst raussuchen. Schwierig war auch, den Aufwand einzuschätzen. Die Planung ist das eine, aber wie viel Zeit das dann wirklich braucht, ist schwer zu sagen: Wie richte ich mein Leben so ein, dass ich auch noch ein bisschen leben und atmen kann? Ich musste lernen, dass es für mich stimmen darf. Es ist okay, nicht die ganze Zeit zu hustlen und 30 ECTS pro Semester zu machen. Ich möchte ja eine Person sein, die studiert, um etwas zu verstehen, und nicht einfach so durchrasselt. Auch wenn ich den Bachelor dann halt nicht in drei Jahren mache, sondern in vier.
Apropos: Weisst du schon, ob du nach dem BA noch einen MA machen wirst?
Ja, ich denke schon. Einerseits finde ich das Studium mega cool, andererseits möchte ich mich noch viel mehr in die Themen vertiefen, als es im Bachelor möglich ist.
Und was willst du werden, wenn du mal gross bist?
Ich sage nicht gerne: «Ich weiss es nicht», weil ich ja schon gewisse Vorstellungen habe. Es soll etwas sein, das mit dem Studium zu tun hat. Mein Plan ist jetzt mal, Gymi-Lehrerin zu machen. Auch, weil es mit Menschen zu tun hat und mir das wichtig ist. Aber ich bin recht offen dafür, dass es allenfalls doch in eine ganz andere Richtung geht. Auf jeden Fall bin ich sehr zuversichtlich, dass ich etwas Cooles finde. (and)