Header

Suche

Religion als Start-up?

Religiöse Entrepreneur:innen zwischen Glaube und Marktwirtschaft

Glaube und religiöse Praxis finden nicht in luftleerem Raum statt, sondern sind verflochten mit gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Mit Blick auf den Islam reagieren religiöse Entrepreneur:innen auf neue (und alte) Bedürfnisse von Muslim:innen. Sie schaffen innovative Angebote und gestalten den Islam und muslimische Lebenswelten in Europa somit aktiv mit. Der Spagat zwischen religiösen und marktwirtschaftlichen Ansprüchen ist dabei nicht immer ganz einfach.

Von Dominik Müller

«Die beste Version deiner selbst!» Mit diesem Slogan wirbt der tatarische Gelehrte Shamil Alyautdinov für seine russischsprachigen Online- und Offline-Seminare im Rahmen des von ihm initiierten «Trillionaire Project». Einst vor allem als Imam einer Moskauer Moschee bekannt, hat sich Alyautdinov mit dem Start dieses Projekts ein zweites Standbein aufgebaut und sich als muslimischer Coach und Buchautor einen Namen gemacht. In seinen Seminaren verbindet er nach eigenen Angaben islamische Ethik mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Psychologie, Soziologie und Ökonomie, um den Teilnehmenden zu mehr Erfolg, Wohlstand und Erfüllung in spiritueller wie weltlicher Hinsicht zu verhelfen.

«Die beste Version deiner selbst», Social-Media-Hinweis des Imams und Coaches Shamil Alyaudinov auf ein eigenes Webinar. (Bild: Instagram, @trillioner.live)

Dieses Beispiel steht für ein Phänomen, das im Kontext des Islams in Europa (und darüber hinaus) an Bedeutung gewinnt. Immer häufiger treten muslimische Akteur:innen auf, die eigenständig Produkte und Dienstleistungen mit religiösem Bezug entwickeln und anbieten. Die Palette reicht von religiösen Lebenscoachings, Heil- und Exorzismuspraktiken über muslimische Partnervermittlungen bis hin zu religiösem Lifestyle und Unterhaltungsangeboten. Zu Letzteren zählen etwa islamkonforme Mode, Gastronomie und Fitnessangebote, aber auch Halal Rap und muslimische Stand-up-Comedy.

So unterschiedlich diese Angebote auch erscheinen mögen, die dahinterstehenden Akteur:innen weisen dennoch Gemeinsamkeiten auf: Meist agieren sie selbstständig, das heisst ausserhalb etablierter religiöser Räume und Institutionen wie Moscheen oder muslimischen Vereinen, und ihre Angebote entstehen aus Eigeninitiative, häufig motiviert durch wahrgenommene Bedürfnisse im eigenen Umfeld und durch lebensweltliche Fragestellungen. Zugleich tragen diese Akteur:innen die Verantwortung sowie die sozialen und ökonomischen Risiken ihrer Unternehmungen in der Regel allein, da sie jenseits etablierter Institutionen und Netzwerke agieren. Gerade wegen dieser Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Risikobereitschaft lassen sie sich analytisch als «religiöse Entrepreneur:innen» fassen, denn sie handeln genau im ursprünglichen Wortsinn des französischen entreprendre: Sie nehmen etwas selbst in die Hand.

Innovative Impulse – innerhalb der Religion und darüber hinaus

Doch weshalb steigt die Zahl der Akteur:innen, die religiöse Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen wollen? Ein Grund liegt darin, dass in Kontexten, in denen Muslim:innen eine Minderheit bilden, die Aufrechterhaltung religiöser Praxis und die Einhaltung religiöser Normen im Alltag häufig mit Hürden oder Vorurteilen verbunden sind. Genau auf solche Herausforderungen reagieren muslimische Entrepreneur:innen. So hat es sich die App «Salams» – getreu ihrem Slogan «Find Love or Friends – The Halal Way» – zum Ziel gesetzt, Muslim:innen auf islamkonforme Weise miteinander in Kontakt zu bringen, sei es als Lebenspartner:innen oder als Freund:innen. Die Entwickler:innen der App reagieren damit nicht nur auf die Herausforderung, überhaupt einen Partner oder Partnerin mit ähnlicher religiöser Orientierung zu finden, sondern knüpfen zugleich an etablierte Alltagspraktiken einer jungen, digital sozialisierten Generation an, für die Online Partnersuche selbstverständlich ist. Ähnlich zeigen Modest Fashion-Influencer:innen auf sozialen Medien, wie sich mit Produkten gängiger Modeketten ein islamkonformer und zugleich hipper Kleidungstil realisieren lässt.

Religiöse Entrepreneur:innen greifen jedoch nicht nur innerislamische Anliegen auf, sondern beteiligen sich auch an gesamtgesellschaftlichen Debatten. Muslimische Rapper:innen flechten religiöse Motive in ihre Musik ein und thematisieren zugleich Stereotype und Diskriminierung (vgl. den Beitrag Muslimische Rapper:innen – kritisch, feministisch, erfolgreich). Auch muslimische Comedians – beispielsweise der deutsch-marokkanische Komiker Abdelkarim oder das Satire-Kollektiv «Datteltäter» – kombinieren Gesellschaftskritik und Humor, um klischeehafte Bilder von «den Muslimen» zu dekonstruieren und Räume des Dialogs zu eröffnen. Gerade religiöse Entrepreneur:innen im (pop-)kulturellen Bereich können so Teilhabe fördern, weil sie selbstbewusste muslimische Stimmen in die Öffentlichkeit tragen und als Bezugspunkte und Rollenmodelle für junge Muslim:innen dienen. Zugleich reduzieren sie Berührungsängste in der Mehrheitsgesellschaft: Die Beiträge dieser Künstler:innen richten sich nicht exklusiv an ein muslimisches Publikum, sondern an alle Interessierten. Auf diese Weise tragen religiöse Entrepreneur:innen dazu bei, dass Muslim:innen als aktiver Teil einer pluralen Gesellschaft sichtbar werden, der kritisch mitredet und mitgestaltet. Solche Stimmen gewinnen an Dringlichkeit in Zeiten, in denen in Europa hitzig über Integration, «europäische Werte» und islamische Symbole debattiert wird.

Technische Entwicklungen eröffnen neue Räume und Möglichkeiten

Wie die bisherigen Beispiele zeigen, spielt die fortschreitende Digitalisierung beim Aufschwung religiöser Entrepreneur:innen eine wichtige Rolle. Soziale Medien wie YouTube, Instagram oder TikTok sowie spezialisierte Apps haben die Art und Weise verändert, wie religiöse Inhalte verbreitet, konsumiert und praktiziert werden. Digitale Technologien schaffen alternative Räume und ermöglichen es individuellen Akteur:innen – auch ohne klassische religiöse Ausbildung, institutionelle Anbindung oder formale Position – ein grosses, zeitlich und räumlich entgrenztes Publikum zu erreichen. So kann beispielsweise eine Modest Fashion-Designerin aus der Schweiz per Instagram ihre Modekollektion weltweit vermarkten. Auch die erwähnten Comedians und Rapper:innen erreichen über soziale Netzwerke ein Publikum, das die Kapazität jeder physischen Eventlocation übersteigt. Der digitale Raum bietet auch jenen religiösen Entrepreneur:innen eine Plattform, die von etablierten islamischen Autoritäten (und auch von vielen Muslim:innen) mit Skepsis betrachtet werden, wie zum Beispiel Raqis. Raqis sind Personen, die spirituelle, psychologische oder physische Leiden durch die Rezitation des Korans oder andere religiöse Mittel zu heilen versuchen. Oftmals bleibt ihnen der Zugang zu Moscheen für die Durchführung ihrer Heilrituale verwehrt, weshalb der digitale Raum als alternativer Wirkungsort dient. So erreicht etwa der Raqi Shaykh Mohammed aus Grossbritannien mit Livestreams Hunderte von Follower:innen und bietet Beratungen oder sogar Exorzismus-Rituale per Video an (vgl. den Beitrag Spirituelles Wohlbefinden durch Exorzismus).

Religiöse Entrepreneur:innen – wie z. B. muslimische Lifestyle-Influencer:innen – können dadurch etablierte Deutungen religiöser Autoritäten infrage stellen, Diskussionen anregen und die Vielfalt innerhalb muslimischer Lebenswelten sichtbar machen. (Bild: iStock/urbazon)

«Unternehmerischer Geist» im Dienste des Glaubens?

Das Auftreten selbstständiger Akteur:innen im religiösen Feld wirft bei vielen Menschen jedoch auch Fragen auf und löst aus unterschiedlichen Gründen Skepsis aus. Wer sind diese Akteur:innen überhaupt und was qualifiziert sie für ihre Tätigkeiten? Kann ein studierter Ökonom, wie Reuf Jašarević, der unter dem Namen «Erfolgsmuslim» muslimische Persönlichkeitsentwicklung online und offline anbietet, wirklich als legitime Stimme in Fragen von Glauben und Lebensführung auftreten? Ist das Fleisch in einem trendigen Halal-Café auch wirklich islamkonform? Gerade weil viele Entrepreneur:innen ohne formalisierte Ausbildung oder institutionelle Einbettung arbeiten, werden sie kritisch beäugt. Das Internet und die sozialen Medien, die für solche Akteur:innen eine niederschwellige Bühne in der breiten Öffentlichkeit bieten, können diese Unsicherheiten zusätzlich verstärken. Für Aussenstehende ist es oft schwer nachzuvollziehen, ob beispielsweise spirituelle Coachings oder Ruqya-Sitzungen auch fachlich fundiert sind und die Anbieter:innen über die notwendigen Qualifikationen verfügen. Fehlt die Rückbindung an etablierte Autoritäten, müssen Reputation und Vertrauen erst aufgebaut werden. Das erklärt, weshalb Entrepreneur:innen ihre Legitimität und Qualifikation häufig mithilfe von Kund:innenzahlen, Testimonials, Tätigkeitsjahren oder ihrer eigenen Biografie zu belegen versuchen.

Ein weiterer Grund für Skepsis ist die Frage nach der Motivation der religiösen Entrepreneur:innen. Was treibt diese religiösen Akteur:innen an – ein höheres Ziel oder doch «nur» die Aussicht auf finanziellen Erfolg? Darf man mit religiösen Produkten oder Dienstleistungen überhaupt Geld verdienen? Und wann wird aus einem sinnstiftenden Angebot eine blosse Kommerzialisierung des Religiösen? Bedingt durch ihre Selbstständigkeit müssen religiöse Entrepreneur:innen in der Praxis oft ökonomisch denken. Sie stehen vor der Herausforderung, Projekte zu finanzieren, mit Konkurrenz umzugehen und Marketingstrategien zu entwickeln, um ihre «Kund:innen» zu erreichen und ihr Fortbestehen als Entrepreneur:innen zu sichern. Gleichzeitig gibt es durchaus religiöse Entrepreneur:innen, die mit ihren Angeboten einen beträchtlichen finanziellen Erfolg erzielen. Ein Beispiel dafür ist das tatarische Gastronomieunternehmen «itle» (tatarisch für «mit Fleisch»): Dieses Projekt startete als kleines Halal-Café in der Stadt Kazan (Russische Föderation) und hat sich mittlerweile zu einem lukrativen Gastronomieunternehmen mit mehreren Restaurants entwickelt. Darüber hinaus fungiert «itle» inzwischen auch als Lieferant von Halal-Lebensmitteln für russische Supermarktketten.

Wie lässt sich dieser Spagat zwischen Religion und Markt also auflösen? Die Antwort muss differenziert ausfallen. Einige dieser Entrepreneur:innen betonen, dass sie ihre Angebote aus Überzeugung und im Dienst der Religion und der Gemeinschaft schaffen. Sie stellen damit explizit die Erfüllung gesellschaftlicher oder spiritueller Bedürfnisse über den finanziellen Gewinn. Andere wiederum argumentieren, dass finanzieller Erfolg und Aufrichtigkeit im Glauben sich nicht ausschliessen. Im Gegenteil könne Frömmigkeit auch zu finanziellem Erfolg führen, wie beispielsweise der eingangs genannte Shamil Alyautdinov argumentiert. Zudem, so Alyautdinov, könne ein unternehmerischer Geist im Dienst des Glaubens sogar positive Wirkungen haben. So entstünden beispielsweise islamkonforme Angebote, die auf Herausforderungen im Alltag eingehen und die Religionsausübung vereinfachen.

Raus aus den Institutionen, rein in den Alltag

Ungeachtet der Motivation – ob aus genuin religiösem Antrieb, Gewinnstreben oder einer Mischung aus beidem – verdeutlichen islamische religiöse Entrepreneur:innen die dynamische Entwicklung von Religion in Verflechtung mit gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontexten. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung muslimischer Lebenswelten und bei der Aneignung, Aktualisierung und Fortschreibung religiöser Normativität. Egal ob Rapper:in, Comedian oder Coach, letztendlich adressieren alle Entrepreneur:innen die Frage, was im zeitgenössischen Kontext als «islamisch» verstanden und gelebt werden kann. Religiöse Entrepreneur:innen können dadurch etablierte Deutungen religiöser Autoritäten infrage stellen, Diskussionen anregen und die Vielfalt innerhalb muslimischer Lebenswelten sichtbar machen. Zugleich tragen diese Akteur:innen auch zu einer Verschiebung und Pluralisierung religiöser Räume bei: raus aus den Institutionen, rein in den Alltag der Menschen. Ob beim Anhören eines Coaching-Podcasts auf dem Arbeitsweg in der Moskauer U-Bahn, bei einer muslimischen Comedy-Show in London oder zu Hause bei einem Instagram‑Livestream – muslimische Entrepreneur:innen verlagern religiöse Reflexion und Praxis in Cafés, Studios, Streams und Feeds und machen sie dadurch mobiler und situativer und koppeln sie stärker an Alltagsrhythmen. Religiöse Entrepreneur:innen prägen somit den Islam und muslimische Lebenswelten in Europa aktiv mit – wenn auch nicht immer ohne Kontroversen.

Weiterführende Informationen

Zum Autor

Dr. Dominik Müller ist Lecturer für Islam in Europa mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung am Religionswissenschaftlichen Seminar. Er befasst sich u. a. mit religiöser Bildung und Wissensproduktion, islamischer Autorität,  Islam und Digitalisierung sowie mit Diversität, Alterität und Identität. In seinem aktuellen Projekt forscht er zu religiösen Unternehmer:innen sowie zu Fragen von Gesundheit, Heilen und Besessenheit. 

Spotlight: Muslimische Rapper:innen

Hip-Hop bietet muslimischen Künstler:innen nicht nur die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen und Vorurteilen gegen den Islam kritisch zu begegnen, sie bedienen mit ihren Songs auch ein Bedürfnis ihrer Communities und können damit – bestenfalls – Geld verdienen. Sie zählen damit zu religiösen Entrepreneur:innen und gestalten mit, wie Muslim:innen wahrgenommen werden und sich selbst wahrnehmen.   

Spotlight: Spirituelles Wohlbefinden durch Exorzismus

Der religiöse Entrepreneur Shaykh Mohammed bietet Behandlungen zur Wiederherstellung des «spirituellen Wohlbefindens» an. Seine «Ruqyah Treatments» stehen in einem komplexen Spannungsfeld zwischen religiöser Praxis, wirtschaftlichen Interessen und therapeutischem Anspruch. 

facultativ 2025 als PDF

Mehr zu facultativ 2025 als PDF

Sie können das facultativ 2025 auch als PDF herunterladen und durchblättern oder ausdrucken (oder beides)!