Spirituelles Wohlbefinden durch Exorzismus
Der religiöse Entrepreneur Shaykh Mohammed bietet Behandlungen zur Wiederherstellung des «spirituellen Wohlbefindens» an. Seine «Ruqyah Treatments» stehen in einem komplexen Spannungsfeld zwischen religiöser Praxis, wirtschaftlichen Interessen und therapeutischem Anspruch.
Von Rosalie Gerber, Veronica Stalder und Damian Yvert
Das Streben nach ganzheitlichem Wohlbefinden, also körperlicher, geistiger und seelischer bzw. spiritueller Gesundheit ist – zum Teil eng verknüpft mit Konzepten der Selbstoptimierung – ein internationaler Trend. Es überrascht daher nicht, dass sich in diesem Bereich auch viele religiöse Entrepreneuer:innen finden lassen. Diese richten ihre Angebote auf den Selbstoptimierungstrend aus und betten sie in einen spirituellen Kontext ein.
Mit Empowerment gegen «unexplainable spiritual issues»
Auf seiner Website ruqyahtreatment.com wirbt Shaykh Mohammed für verschiedene Behandlungen mit dem Ziel, das «spirituelle Wohlbefinden» wieder herzustellen. Ruqya bezeichnet das im Koran und in der Prophetentradition beschriebene Heilen physischer und spiritueller Leiden durch die Rezitation des Korans und spezifischer Gebete.
Wie «spirituelles Wohlbefinden» konkret erreicht werden kann, hänge vom Individuum ab. Bis vor Kurzem umfasste das Angebot unter anderem einen sogenannten «Personalized Ruqyah Wellness Plan», der Teilnehmende über gemeinsam definierte Etappen dabei unterstützen sollte, Selbstermächtigung und spirituelle Harmonie zu erlangen und sich im Prozess besser kennenzulernen. Der Plan setzte sich aus verschiedenen personalisierten Elementen zusammen, darunter sowohl Live- als auch Online-Ruqyah-Sitzungen sowie vorab aufgezeichnete Inhalte. Im Verlauf der Recherchen wurde das Angebot des Wellnessplans von der Website entfernt und ist nicht mehr zugänglich. Die Angebote zur Online- oder vor Ort-Ruqyah-Behandlung bleiben jedoch bestehen.
Die beobachtete Veränderung hat keine direkt sichtbaren Gründe oder Erklärungen. Aus der Biografie von Shaykh Mohammed und den neu publizierten Blogbeiträgen geht hervor, dass die Ausrichtung der Webseite gleichbleibt. Möglicherweise befinden sich die Seite sowie das dahinterstehende Unternehmen in einem Wandel. Hinweise darauf sind beispielsweise, dass einige Schaltflächen noch nicht zum gewünschten Ort führen. Vermutlich passt Shaykh Mohammed sein Angebot an die Bedürfnisse seiner Kundschaft an. Das Angebot richtet sich primär an Menschen, die mit «unexplainable spiritual issues» zu kämpfen haben. Unklar bleibt, welche spirituellen Probleme genau gemeint sind und was auf der «healing journey» eigentlich geheilt werden soll. Die Angebote sind so allgemein formuliert, dass sich dadurch jede:r, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit, angesprochen fühlen könnte. Hinzu kommt, dass Shaykh Mohammed zusätzlich Arabischlektionen anbietet, die helfen sollen, den Koran zu verstehen und die Heilung für jede:n zu ermöglichen.
Ruqyah Treatment: Heilsversprechen ohne Wartezeit
Ruqya als Heilpraxis wird von vielen Muslim:innen als religiös legitim betrachtet. Über die konkrete Ausgestaltung wird innerislamisch jedoch kontrovers diskutiert: Während die einen ausschliesslich die Rezitation von Koranversen und spezifischen Bittgebeten akzeptieren, greifen andere zusätzlich auf Amulette und andere Hilfsmittel zurück. Die Tatsache, dass die Methode «Ruqyah Treatment» sich unmittelbar auf den Koran stützt, verleiht der Behandlung spirituelle Legitimität und grenzt sie zugleich von anderen Praktiker:innen und Angeboten ab.
Durch den Fokus auf die spirituelle bzw. geistige Gesundheit befindet der Raqi sich in einem Spannungsfeld zur klinischen Psychotherapie. Darauf verweist auch der (frühere) Werbeslogan «Why wait weeks for an appointment when you can start your healing journey today?» Shaykh Mohammed rät jedoch keineswegs vom Besuch medizinischer Kliniken ab, sondern empfiehlt den Personen eine Kombination von Ruqyah, klinischer Behandlung und Selbsthilfe. Die Selbsthilfe soll dazu dienen, dass die Nutzer:innen Praktiken erlernen, die sie selbst ausführen können, um ihr «spirituelles Wohlbefinden» zu fördern. Dazu gehört das Erlernen der arabischen Sprache, um relevante Koranverse selbstständig zu rezitieren und Bittgebete zu halten.
Shaykh Mohammed vermarktete hier sein Angebot, indem er subtil darauf anspielte, dass man für einen Therapieplatz häufig mit langen Wartezeiten rechnen muss. Bei ihm könne hingegen sofort mit der individuellen «healing journey» gestartet werden. Ein weiteres Verkaufsargument für das «Ruqyah Treatment» ist der Hinweis darauf, wie beliebt und entsprechend knapp die Angebote sind. Für eine einmalige Ruqyah-Sitzung verlangt Shaykh Mohammed damals wie heute etwa 50 Pfund.
Das Angebot zielt also nicht nur darauf ab, das Leben der Menschen positiv zu verändern, ein aus religionsethischer Sicht durchaus legitimes Anliegen, sondern folgt auch klar wirtschaftlichen Interessen: Shaykh Mohammed verdient daran und verbindet spirituelle Versprechen mit unternehmerischem Kalkül.