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Muslimische Rapper:innen – kritisch, feministisch, erfolgreich

Hip-Hop bietet muslimischen Künstler:innen nicht nur die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen und Vorurteilen gegen den Islam kritisch zu begegnen, sie bedienen mit ihren Songs auch ein Bedürfnis ihrer Communities und können damit – bestenfalls – Geld verdienen. Sie zählen damit zu religiösen Entrepreneur:innen und gestalten mit, wie Muslim:innen wahrgenommen werden und sich selbst wahrnehmen.   

Von Sophia Koch und Nadja Carver

Geld, Frauen und schnelle Autos – so präsentieren sich Rapper:innen weltweit in ihren Songtexten, den dazugehörigen Musikvideos und auf Social Media. Rap ist aber vielschichtiger als solche Stereotype vermuten lassen und hat weit mehr zu bieten. Von seinen Ursprüngen in afroamerikanischen Ghettos bis zum heutigen Deutschrap hat Hip-Hop eine weite kulturelle Reise hinter sich, wobei sich der Stil stetig diversifizierte.

Besonders interessant wird es, wenn Rap auf religiös geprägte Gemeinschaften trifft, etwa im christlichen oder muslimischen Kontext, in denen viele typische Rap-Inhalte nicht akzeptiert oder zumindest negativ konnotiert sind. Dieses Spannungsfeld zwischen religiöser Moral und provokantem Rap kann gut am Beispiel von einer Rapperin und einem Rapper-Duo illustriert werden, die sich im muslimisch geprägten Umfeld positionieren: Mona Haydar und Deen Squad.

Mit stolzem Feminismus gegen antimuslimische Vorurteile

Gerade im Zusammenhang mit rappenden Frauen wird in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert, ob und inwiefern Feminismus und Rap miteinander vereinbar sind. Besonders bei muslimischem Rap ist das ein Thema, nicht zuletzt, weil der Islam von westlichen Medien oft als frauenfeindlich dargestellt wird. Trotzdem gibt es sie, die muslimischen Rapperinnen. Ein besonders prominentes Beispiel ist Mona Haydar, eine syrisch-amerikanische Rapperin und Aktivistin.

In Haydars Musik spielt ihr spezifischer Blick als Muslima immer wieder eine grosse Rolle. So zeichnet sich z. B. der Song «Hijabi (Wrap my Hijab)», der in einem Billboard Artikel von 2017 zu einem der 20 besten Protest-Songs des Jahres gewählt wurde, durch das Bekenntnis zu ihren Glaubensschwestern über spezifische Traditionen hinweg aus. Diese übergreifende Solidarität lässt sich bei vielen muslimischen Künstler:innen beobachten, insbesondere seit Beginn des Kriegs in Palästina 2023. Viele Songs von Mona Haydar kritisieren das gängige westliche Narrativ, das den Islam und seine Angehörigen als minderwertig darstellt. So auch «Barbarian», in dem sie singt: «We them barbarians, beautiful and scaring them» («Wir Barbaren, schön und angsteinflössend»). Hier wird eine abwertende Fremdbezeichnung kritisiert, gleichzeitig aber auch übernommen und positiv umgedeutet. Haydars Songtexte sind geprägt von femininem Stolz, verbunden mit dem islamischen Anspruch an sittliches Verhalten: «I keep it humble and elegant, your beauty standard irrelevant» («Ich bleibe bescheiden und elegant, eure Schönheitsideale sind irrelevant»). Damit bietet sie ihren Zuhörer:innen einen Feminismus an, der sich mit traditionellen islamischen Werten verbinden lässt. In ihren Songs verbinden sich Gesellschaftskritik und Feminismus von einem muslimischen Standpunkt aus. Auf diese Weise können Rapperinnen wie Haydar identitätsbildend wirken für ihre religiöse bzw. ethnische Gemeinschaft und gerade für jüngere Generationen eine Vorbildfunktion übernehmen.

«We them barbarians, beautiful and scaring them», Mona Haydar im Videoclip zu «Barbarian». (Bild: Standbild Youtube)

Mit Halal-Hip-Hop auf dem «richtigen Weg»

Das «dynamische muslimische Hip-Hop-Duo» Deen Squad (zu deutsch etwa: «Glaubenstruppe») aus Ottawa in Kanada kreierte und prägt bis in die Gegenwart den sogenannten Halal-Hip-Hop, indem es sich populäre Lieder aus dem zeitgenössischen Hip-Hop aneignet und sie umschreibt. So wird beispielsweise der Welthit «Star Boy» von The Weeknd zu «Halal Boy». Die Songtexte der beiden Rapper Karter Zaher und Jae Deen zeugen von ihrem sunnitischen Glauben und von ihren politischen Positionen. Ein Beispiel dafür ist der 2023 erschienene Protestsong «We won't forget», in dem sie sich mit dem Israel-Palästina-Konflikt befassen.

Ansonsten drehen sich die Songtexte des Duos um die klassischen Themen des Hip-Hop und Gangsta-Rap, dies jedoch aus einer kritischen Perspektive. In «Allah's Plan» reflektieren die beiden Rapper ihre Vergangenheit, indem sie ihre «egoistische Jugend» beschreiben, in der sie viel kifften und sich auf den Strassen rumtrieben. Ein klares Motiv, welches sich daraus ergibt, ist jenes des «Siratul Mustaqueem» (richtigen Weges) wobei sie sich von Materialismus, Fokus auf Erfolg und extensivem Dating lossagen und ihr Leben Allah widmen, ihn lobpreisen und seine Botschaft verbreiten.

Es zeigt sich also bei Deen Squad eine starke Auseinandersetzung mit den klassischen Motiven des Hip-Hop, indem sie von den Inhalten von Sex, Drugs und Violence abraten und eine fast schon missionarische Botschaft in Form des Rap verkünden, wenn sie rappen: «Inshallah we puttin' Islam straight on the map» («Wenn Gott will, bringen wir den Islam direkt auf die Landkarte»).

Weiterführende Informationen

Zu den Autorinnen

Nadja Carver und Sophia Koch sind Studierende der Religionswissenschaft im Bachelor-Studienprogramm an der UZH. Sie haben im Frühjahrssemester 2025 am Seminar Raqis, Coaches und Halal-Cafés – Religiöse Entrepreneur:innen im Spannungsfeld zwischen Glauben, Praxis und Markt von Dominik Müller teilgenommen. Der hier publizierte Artikel ist ausserhalb des Seminars in Absprache mit Dominik Müller und der facultativ-Redaktion entstanden.

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Spotlight: Spirituelles Wohlbefinden durch Exorzismus

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