Intersektionalität als Zugang zu gelebter Religion
Vielschichtige Identitätsdimensionen als Herausforderung und Ressource
Identität ist vielschichtig und nicht leicht zu fassen. Das Konzept der Intersektionalität lädt dazu ein, die Vielfalt der menschlichen Erfahrung sichtbar zu machen, ernst zu nehmen. So kann die individuelle Lebenswirklichkeit differenzierter erfasst werden. Das Spannungsfeld zwischen verschiedenen Identitätsaspekten und die gleichzeitige Zugehörigkeit zu mehreren sozialen Gruppen kann insbesondere für Menschen, die Diskriminierung erfahren, eine Herausforderung darstellen – zugleich aber auch eine wertvolle Ressource sein. Gerade in der (Religions-)Wissenschaft kann eine intersektionale Perspektive helfen, Theorie und Lebensrealität zu verbinden, indem sie die Vielschichtigkeit menschlicher Identität betont.
Von Olivia Merz
Artikel aus dem Magazin facultativ 2025
Wer bin ich eigentlich? Eine Frage, die sich so leicht nicht beantworten lässt. Denn Identität ist nie eindimensional, niemals nur an eine einzelne Eigenschaft oder Gruppenzugehörigkeit geknüpft, sondern sie entsteht an der Schnittstelle verschiedener Dimensionen eines Lebens. Was ich hier als «Dimensionen» bezeichne, meint die Faktoren und Zugehörigkeiten, die ein Leben beeinflussen. So sind wir zum Beispiel Tochter oder Sohn, sind Elternteil, sind gläubige Menschen, sind queer oder nicht, sind Zugewanderte, sind Akademiker:innen, sind Arbeiter:innen. Und meistens vereinen wir mehrere dieser Dimensionen gleichzeitig in uns. Verschiedene Identitätsdimensionen überlagern einander und wirken in jedem Menschen auf einzigartige Weise zusammen.
Dynamische Identität am Schnittpunkt verschiedener Diskurse
«Intersektionalität» ist ein Konzept, das genau dort ansetzt und diese Gleichzeitigkeit verschiedener Lebensdimensionen sichtbar machen möchte. Unter dem Begriff wird einerseits verstanden, dass Identität mehrdimensional ist, andererseits aber auch, dass soziale Ungleichheit dort besonders spürbar ist, wo sich verschiedene Dimensionen überlagern. Wer also etwa zugleich migrantisch, religiös und weiblich ist, steht an einem Schnittpunkt mehrerer gesellschaftlicher Diskurse. So werden zum Beispiel einer migrantischen, muslimischen Frau nicht nur die Vorurteile entgegengebracht, die Frauen zugeschrieben werden, sondern auch diejenigen, mit denen sich muslimische und migrantische Menschen konfrontiert sehen. Insofern können die verschiedenen, sich überlappenden Identitätsdimensionen einer solchen Frau auch zu Dimensionen der Diskriminierung werden, die einander verstärken. Zentral für das Konzept der Intersektionalität ist aber auch das Verständnis, dass diese Dimensionen keineswegs starr zueinanderstehen, sondern dass das individuelle Zusammenspiel dieser Dimensionen stets im Fluss ist. Einerseits kann je nach persönlicher Prioritätensetzung eine dieser Dimensionen für die Person selbst in den Hintergrund treten. In einer Zeit, in der die Religion einen im Leben vermehrt beschäftigt, kann diese zum Beispiel wichtiger werden, während andere Identitätsdimensionen eher weniger zentral erscheinen. In anderen Lebensphasen mag vielleicht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Gender diese zentrale Rolle übernehmen. Manchmal dominiert also ein Aspekt der Identität, manchmal ein anderer. Und diese Gewichtung verändert sich – nicht nur im eigenen Selbstverständnis, sondern auch im Blick von aussen.
So ist auch die Diskriminierung, die einer multidimensionalen Identität unter Umständen entgegengebracht wird, fluide. Die Diskurse, die sich um eine oder mehrere der Identitätsdimensionen drehen, verändern, wie eine Person wahrgenommen wird, die davon tangiert ist. Geraten etwa islambezogene Themen ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit, wird ein muslimischer Mann eher über seinen religiösen Ausdruck – etwa durch «muslimisch» gelesene Kleidung – wahrgenommen, als wenn sich die mediale Aufmerksamkeit auf Männlichkeit richtet.