Fit im Alter – eine Fakultät feiert Geburtstag
Die TRF hat das Prophezey-Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür und einem Festakt begangen
Am 19. Juni 1525 wurde mit der Einrichtung der «Prophezey» von Huldrych Zwingli und seinen Mitstreitern der Grundstein für die heutige Theologische und Religionswissenschaftliche Fakultät gelegt (vgl. 500 Jahre Prophezey). Exakt ein halbes Jahrtausend später feierte die TRF dieses Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür im Fakultätsgebäude an der Kirchgasse 9 und einem Festakt in der Aula der Universität Zürich. Der Tag der offenen Tür bot ein vielseitiges Programm, u. a. mit einer Live-Episode des Podcasts «Erleuchtung garantiert», Kurzvorträgen zu aktuellen ethischen und theologischen Fragen, der Buchvernissage zum Jubiläumssammelband und Kurzvideos aus der Religionswissenschaft.
Seiteninhalt
- Die TRF hat das Prophezey-Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür und einem Festakt begangen
- Von Gotteslästerung im Wirtshaus und einem Hund auf der Kanzel
- Der Weg vom Übersetzungs-Workshop zur Universität
- Buchvernissage des Jubiläumssammelbandes
- Von A, wie Alternativmedizin, bis Z, wie Zwingli
- Festakt: Übersetzen, verstehen, vermitteln – feiern!
Von Gotteslästerung im Wirtshaus und einem Hund auf der Kanzel
Live-Podcast «Erleuchtung garantiert»
Der Podcast «Erleuchtung garantiert» fand ausnahmsweise nicht in der Nonnengruft in den Tiefen des Fakultätsgebäudes statt, sondern live vor Publikum im Kreuzgang. Zu Gast bei Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens waren die Neuzeit-Historikerin Francisca Loetz und der Kirchenhistoriker Tobias Jammerthal. Die beiden erzählten u. a. von einem Hund, der für Furore sorgte, einem Alkoholiker, der sich mit der Bibel verteidigte und von muslimischen Kindern als «exotischen Mitbringsel». Es ging um Geschichtsklischees und die Anfänge der höheren Bildung in Zürich, um den Zusammenhang von Naturwissenschaft und Theologie und um das Schwätzen und Schlafen in der Kirche. Die Podcast-Episode ist auf allen gängigen Plattformen und über www.erleuchtung-garantiert.ch verfügbar.
Der Weg vom Übersetzungs-Workshop zur Universität
Stadtführung von Studierenden
Gleich zwei Mal fand am 19. Juni die von Studierenden der TRF gestaltete und durchgeführte Stadtführung «Von Zwinglis Übersetzungs-Workshop zur Uni Zürich» statt. Konzipiert wurde die thematische Führung durch die Zürcher Altstadt in einem Seminar am Theologischen Seminar. Die Studierenden wurden dabei von Judith Engeler, Kirchenhistorikerin und Oberassistentin am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte, und von Bettina Volland, Historikerin und Leiterin des Bereichs «Besichtigungen und Führungen» der Altstadtkirchen Zürich betreut und unterstützt.
Buchvernissage des Jubiläumssammelbandes
500 Jahre reformierte Theologie in Zürich
Das Erscheienen des Sammelbands 500 Jahre reformierte Theologie in Zürich. Anfänge und Konsolidierung von Zwinglis Hoher Schule (1525–1601) wurde am Tag der offenen Tür mit einer Vernissage im Kreuzgang gefeiert. Tobias Jammerthal, Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte, und Konrad Schmid, Seminarleiter des Theologischen Seminars, würdigten die Qualität der Beiträge und die wissenschaftliche Bedeutung des Buches. Danach gab Jan-Andrea Bernhard, der den Band gemeinsam mit Luca Baschera und Urs B. Leu herausgegeben hat, einen kurzen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Buchs. Musikalisch gerahmt wurde die Buchvernissage von Gittarist Alexander Gil. Der Band ist im Theologischen Verlag Zürich erschienen und kann über die Website www.tvz-verlag.ch als gebundenes Buch oder E-Book erstanden werden.
Von A, wie Alternativmedizin, bis Z, wie Zwingli
Kurzvideos aus der Religionwissenschaft
Im Zusammenhang mit dem Jubiläum wurden am Religionswissenschaftlichen Seminar acht kurze Videos produziert, in denen Wissenschaftler:innen kurze Einblicke in aktuelle Forschungsthemen geben. Es geht u. a. um Übergangsriten, Religion und Politik, die Attraktivität von Astrologie, um Trump, Alternativmedizin und Rassismus.
Festakt: Übersetzen, verstehen, vermitteln – feiern!
Die Feierlichkeiten rund um das Jubiläum erreichten ihren Höhepunkt am Abend des 19. Juni 2025 in der Aula der Universität Zürich. Trotz grosser Hitze waren die Ränge gut gefüllt, als Dekan Michael Coors die Gäste um 18 Uhr begrüsste und das Duo Aratik den Abend musikalisch eröffnete.
Grussworte aus Universität, Politik und Kirche
In einem ersten Grusswort lobte Elisabeth Stark, Prorektorin Forschung an der UZH, die Theologische und Religionswissenschaftliche Fakultät u. a. für ihre exzellente Forschungstätigkeit und dafür, dass sie sich bei Bewahrung des stabilen Kerns stets neu ausrichten könne an den Herausforderungen der jeweiligen Zeit und offen sei für den Dialog mit anderen Disziplinen und Perspektiven. Regierungsrat Mario Fehr lobte in seinem Grusswort Zwingli als Mann mit grossem politischem Instinkt, auf den die starke Verbindung von Kirche und Staat zurückgehe. Zudem dankte er der TRF dafür, dass sie Zwinglis theologisches Erbe im Kanton Zürich am Leben erhalte.
Kirchenratspräsidentin Esther Straub schliesslich richtete den Blick in ihrem Grusswort auf das partnerschaftliche Verhältnis von Kirche und Theologie und hob hervor, dass es bei unterschiedliche Ansichten und Einschätzungen, die durchaus vorkommen, das Gespräch brauche. Und selbst wenn man sich dabei nicht einig werde: «Uneinigkeit kann Sinn machen und gegenseitig die Perspektive weiten.» Für die Kirche sei es, so Straub, von grosser Bedeutung, dass die Theologie, von der sie geprägt sei und die ihr Reden und Handeln begründe, wissenschaftlich verantwortet sei. Deshalb zähle sie darauf, dass die TRF die Studierenden weiterhin in die Kunst einführe, sorgfältig zu lesen, Gelesenes zu verstehen und kritisch zu reflektieren – und so die Pfarrpersonen für ihren wichtigen Dienst ausrüste.
Festrede: Zum Platz von Theologie und Religionswissenschaft innerhalb von Universität und Gesellschaft
Universitätsrat Antonio Loprieno machte zu Beginn seiner Festrede auf die erstaunlichen Ähnlichkeiten der Situationen von Zwinglis Prophezey 1525 und der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät 2025 aufmerksam: Beide stünden in einer technologischen und ideologischen Übergangszeit, damals Buchdruck und Reformation, heute Digitalisierung und ikonische Wende bzw. visual turn. Zu bedenken sei dabei, dass zwar der Text heute in der Krise stecke, nicht aber die Botschaft. Deshalb rät Loprieno der TRF zur «Versöhnung mit der Bildlichkeit». Durch eine Rückbesinnung auf ihre unique selling propositions könnte sie – quasi analog zur Prophezey vor 500 Jahren – im Sinne einer Vormalerei «die Geschichte der Universität Zürich in unserer Zeit der Aufklärung 2.0 prägen». Um sich ebendiese unique selling propositions vor Augen zu führen, eigne sich ein Jubiläum besonders gut, zumal sich auch kulturelle und akademische Institutionen eines solchen bedienten, «um Zusammengehörigkeit zu stiften und für die Zukunft Orientierung zu suchen».
Präzis und überzeugend zeichnete Loprieno daraufhin in aller Kürze die bildungs- und institutionsgeschichtliche Rolle der Theologie in den letzten Jahrhunderten nach und machte u. a. darauf aufmerksam, dass bereits in der «humboldtschen» Universität das nominelle Primat der Theologie in Tat und Wahrheit einem inhaltlichen «Gastrecht» im Gefüge der neuen Universität entsprach, «die in ihrem Selbstverständnis nunmehr von empirischer Wissenschaft, nicht von normativem Wissen geprägt war». In jüngster Zeit beobachtet Loprieno schliesslich eine Religionswissenschaftlichung theologischer Fakultäten. Durch diese Verschiebung gewinne man zwar inhaltliche Breite und könne eine gewisse Deutungshoheit über das religiöse Phänomen unabhängig von der eigenen konfessionellen Verortung beanspruchen, durch «das Aufweichen bis Aufgeben der Normativität und des Glaubensbekenntnisses» verliere man aber eben auch die «epistemischen Alleinstellungsmerkmale». Angesichts der «gefährlichen Theologisierung des politischen Raums», die uns zurzeit geopolitisch begegne, erscheine die Rückgewinnung eines normativen Anspruchs aber angezeigt, weshalb Loprieno eher zu einer Theologisierung der Religionswissenschaft rät als umgekehrt. Auf diese Weise würde die Existenzberechtigung der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät als Fakultät nicht nur von anderen Wissensinhalten herrühren, «sondern vor allem von einem anderen epistemischen Zugang, den wir Glauben nennen».
Er sei vom festen Vertrauen geleitet, so Loprieno zum Abschluss, dass die Botschaft, die die TRF und ihre Vorgängerinstitutionen in den unterschiedlichsten historischen und gesellschaftlichen Kontexten begleitet haben, ihre Aktualität behalten werde, «wenn wir Menschen uns imstande zeigen, ihr Wirken in unserer Welt, d. h. in unseren Köpfen und in unseren Herzen zu erkennen». (and)